Bergheim / Wellen – Fliegende Festung muss nach Beschuss Notlanden

Edertal  9.März 1945    An der Eder bei Bergheim / Wellen kam es in den letzten Kriegstagen zu einer spektakulären Notlandung einer B 17 „fliegenden Festung“. Die Arbeitsgemeinschaft „Luftkriegsgeschichte – Ederbergland“ hat die damaligen Geschehnisse aufgearbeitet.

Ein Bericht von Hans Joachim Adler

Am 9. März 1945, während eines Angriffs auf Kassel, die erste Bomberdivision der Amerikaner hatten 336 Maschinen nach Kassel auf den Weg gebracht. 675 Tonnen Bomben waren in die Bomber geladen worden. 318 Festungen erreichten das Ziel Kassel, wo ihnen aus Flakgeschützen der deutschen Verteidiger schweres Feuer entgegenschlug. Aber nur die ganz schweren Geschütze schossen bis auf eine Höhe von 10000 Metern, was die Einsatzhöhe der Bomber war, so dass man kaum mit Abschüssen zu rechnen hatte. Die Flakbatterien mussten auch sparsam mit der Munition umgehen, da kaum noch Nachschub herankam. Trotzdem sollte es einige Maschinen treffen.

Kurt Engelhardt aus Gellershausen, gebürtig aus Bergheim, damals 13 Jahre alt, beobachtete das Geschehen:“ An diesem Morgen stand ich mit Freunden beim Sägewerk in Bergheim, von wo aus wir die abfliegenden Bomberpulks Richtung England beobachteten. Die letzten Maschinen waren schon seit zehn Minuten verschwunden, als plötzlich ein Dröhnen in der Luft lag, was rasch näherkam. Da erschien auch schon einer dieser riesigen Bomber in etwa 200 Meter Höhe über dem Ort, Richtung Edertal aufwärts fliegend.

Voller Panik verschwanden wir schnell in Deckung, wusste doch jeder von uns über die Gefahr von Tieffliegern. Aus der sicheren Entfernung heraus konnte ich erkennen, dass ein Motor stand, und Spuren eines Brandes waren an der Tragfläche von unten zu erkennen. Schnell verschwand die Maschine Richtung Edertalsperre.

Wir kamen aus unserer Deckung heraus. Dabei wurde darüber geredet, was nun geschehen werde, da jeder schon einmal die starke Flakkonzentration am Edersee gesehen hatte. Erste Flakgeschütze standen schon hinter Lieschensruh.

(Zeitzeugen sprechen von neun leichten Geschützen um Mehlen) Von dort hörten wir auch zuerst die Abschüsse der Flakgeschütze. Das Feuerwerk verstärkte sich, je näher der Bomber der Sperrmauer kam. Ein Feuerwerk dieser Intensität hatte hier noch niemand erlebt, nach einer Minute verstummte die Schiesserei aber wieder, nur ein Dröhnen lag immer noch in der Luft, jetzt näherkommend.

Nach wenigen Augenblicken war der Bomber, von der Sperre kommend, wieder über Bergheim, diesmal sah er noch zerfledderter aus als beim ersten Überflug. Die Höhe betrug nur noch 20 Meter, und die Maschine verlor ständig Teile, darunter ein ganzes Steuerruder, welches rotierend zu Boden fiel. Mit nur noch zwei laufenden Triebwerken flog die Maschine über Bergheim hinweg, verlor rasch an Höhe. Das Fahrwerk hatte der Pilot ausgefahren. So versuchte er nordwestlich von Wellen an der Eder eine Notlandung. Gerade noch über den Fluss kommend, setzte der Bomber im Feld auf, dabei brachen sofort beide Fahrwerksbeine nach hinten weg. Auf dem Bauch rutschte die Maschine ein paar hundert Meter dahin, bis ein Strohhaufen dem ein Ende machte.

Eine Tragfläche schlug frontal in den Haufen, Der Rumpf wurde herumgerissen und nun zeigte das Flugzeug wieder in Richtung Edertal aufwärts.

Wir Jungen liefen sofort los, um an den Ort des Geschehens zu kommen. Unterwegs überholte uns ein VW-Kübelwagen mit Soldaten, die von der Sperrrmauer kamen. Die

B17  lag auf dem Bauch, zwei Motoren waren stark beschädigt. Schwarze Rauchspuren zogen sich nach hinten über die Tragfläche. Der Rumpf war in voller Länge mit Splitterschäden übersät. Vom Leitwerk fehlte ein großes Stück, und die Besatzung befand sich noch im Innern des Rumpfes. Herbeigeeilte Anwohner aus den umliegenden Orten waren mit Mistgabeln, Sensen sowie Dreschflegeln bewaffnet. Da gegen die alliierten Flieger wegen der Tiefangriffe der letzten Monate viel Hass entstanden war, mussten die Soldaten die Anwohner zurückdrängen. Noch immer waren die Bordwaffen drohend nach außen gerichtet. Nach einer Viertelstunde öffnete sich eine Luke von innen, worauf ein Besatzungsmitglied nach dem anderen ins Freie trat. Da plötzlich geschah noch etwas Dramatisches. Wieder war der Klang eines Motors zu hören, als plötzlich eine P47 Thunderbold über dem Schauplatz auftauchte. Diese begann über der Notlandestelle im Tiefflug zu kreisen. Fast alle versuchten sich in  Sicherheit zu bringen. Lediglich die Bomberbesatzung, sowie die deutschen Soldaten blieben ruhig stehen. Erst die Aussage des kommandierenden Feldwebels, wonach keine Gefahr zu erwarten sei, solange die Gefangenen in der Nähe ständen, nahm auch der Zivilbevölkerung die Angst. So verhielt es sich dann auch, so schnell wie der Jagdbomber gekommen war, verschwand er auch wieder. Seine Kamera in der rechten Tragfläche hat aber mit Sicherheit die Geschehnisse am Boden aufgenommen. Aus dem Innern des Bombers wurden nun noch zwei Besatzungsangehörige auf Tragen herausgehoben, da beide schwer verletzt waren. Ein Amerikaner ist kurze Zeit später auch verstorben“. Hierbei handelte es sich um den Navigator der Maschine, Leutnant Gene. F. Oldsmith. Wie ein weitere Zeitzeuge berichtete befanden sich vorne am Bug der Maschine acht aufgemalte Bomben, was auf den neunten Einsatz schließen lässt. Wenige Tage nach der Notlandung begann ein Bergetrupp aus Fritzlar, die Maschine zu zerlegen, mit Lastwagen wurde alles nach Wega an den Bahnhof gebracht und auf Waggons verladen. Die Zerlegung und den Abtransport soll damals Oberleutnant Walter Scheel, später Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, geleitet haben. Scheel war damals der Adjutant von Major Martin Drewes, der als Gruppenkommandeur des Nachtjagdgeschwaders 1 in Fritzlar stationiert war. Wega wurde am 29 März 1945 von der 1 US Armee besetzt, so dass ein Abtransport der zerlegten Maschine nicht mehr stattfand. Die US AirForce hatte kein Interesse an den Überbleibseln, denn man rüstet auf die nächste Generation um, die B.29 Superfortress. Schon nach kurzer Zeit wurden die Waggons gebraucht und die Maschine wurde auf dem Holzlagerplatz in Mandern wieder abgeladen. Mehrere Jahre lag dieses Relikt dann auf dem dortigen Bahnhofsgelände, wo sich die Landwirte  Ersatzteile von den Maschinenrest besorgten. Alles war zu gebrauchen, denn gerade die Landwirtschaft benötigte dringend Ersatz für Bruchschäden, die nun einmal bei ständigem Einsatz entstanden. Auch die Schrotthändler begannen ab 1948 mit dem Abtransport von beweglichen Teilen. Am Ende lag nur noch der leere Rumpf auf dem Gelände. Alles war irgendwie zu gebrauchen. Die Funkanlage der B.17 wurde zum Beispiel von einem Elektroinstallateur aus Mandern ausgebaut, worauf er diese fast 40 Jahre für den Amateurfunkbereich genutzt hat. Nachdem nun nur noch der leere Rumpf ohne Leitwerk dort lag, kam auch dieser Teil noch zu einem Verwendungszweck. Ein Polterabend im Ort wurde dazu benutzt, um dem jungen Brautpaar einen Schabernack zu spielen. Mit zwei Pferden zog ein ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, der in Mandern großes Ansehen genoss, dem Brautpaar den Rumpf vors Haus. Die Bahnverwaltung ließ es später aber nicht mehr zu, dass der Rumpf auf ihr Gelände zurückgebracht wurde, brauchte man den Platz doch zwischenzeitlich wieder selber. Wohin nun mit diesem sperrigen Teil? Entlang der Eder waren von der Flut nach der Mauerbombardierung große Löscher zurückgeblieben, die von den Einwohnern mit Müll verfüllt wurden. Hier hinein schleiften Bewohner aus Mandern dann auch den Rumpf, wo er in einer Tiefe von drei bis vier Metern heute noch liegt, wenn Schrotthändler ihn dort nicht zerlegt haben, aber darüber konnte niemand mehr eine genaue Auskunft geben.

Von der Notlandestelle der B.17 sollen damals  Anwohner aus Wellen Fotos gemacht  haben. Es wäre für die „Arbeitsgemeinschaft – Luftkriegsgeschichte“ für die Aufarbeitung von großem Nutzen wenn man hier einmal Einblick nehmen könnte. Sollten sie uns in diesem Fall weiterhelfen können erreichen sie uns unter 06455 / 8302.