Burgwald – Im Wald befand sich die Luftmunitionsanstalt 2/XII Frankenberg

Ein Bericht von Hans-Joachim Adler

Muna Burgwald Lagertor
Eingangstor der Luftmunitionsanstalt Frankenberg

Im Jahre 1935 führte die Reichsregierung unter Adolf Hitler wieder eine allgemeine Wehrpflicht in Deutschland ein. Hitler hatte sich über die geltenden Verträge von Versaillehinweggesetzt und dem deutschen Volk  eingeredet, dass es sich hier um eine Notwendigkeit handele. Eine Waffengattung die es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab, war eine selbständige Luftwaffe. Alles was mit der Motorfliegerei im militärischen Bereich zusammen hing hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs den Deutschen verboten. Für die nun entstehende Luftwaffe musste eine Infrastruktur geschaffen werden. Flugplätze, Waffenarsenale und Ausbildungszentren fehlten komplett. Zu diesem Zweck begann auch die Planung einer Munitionsanstalt im Burgwald bei Frankenberg. Auch die Trischer bei Battenfeld war in den Kreis der möglichen Standorte mit einbezogen worden, aber ein Brand hatte 1935 die dort stehenden Bäume als Tarnung aus der Luft zerstört. Nach der Fertigstellung der Planungen begannen 1936 südwestlich von Frankenberg die Arbeiten an der Luftmunitionsanstalt. Im heutigen Bereich Industriehof wurden 2000  Arbeiter zusammen- gezogen. Täglich fuhren Traktoren und Lastwagen nach Westfalen, um Zement aus den dortigen Werken zu holen. Bauern aus der Umgebung hatten sich Lanz Bulldogs angeschafft, mit denen aber vorrangig für den Bau der Luftmunitionsanstalt gefahren wurde, was einen Finanziellen Gewinn versprach. Pro geleistete Arbeitsstunde betrug die Entlohnung zwischen vierzig und fünfzig Pfennig. Der benötigte Kies für die Betonbunker  gewann man aus den Ederauen bei Battenfeld und Ederbringhausen. Noch bis in die 1980 Jahre stand die Verladerampe für den Kies auf dem heutigen Battenfelder Marktgelände. Wiesenflächen entlang der Eder waren von den Grundstückseignern angemietet worden, aus denen dann der Kies abgebaggert wurde. Die Baggerarbeiten erreichten zum Teil eine Tiefe von bis zu vier Metern. Eine Rangierlok zog über einen aufgeschütteten Damm in Kipploren den Aushub auf die Verladerampe, von wo aus man das Material auf LKWs  in den Burgwald fuhr.

Im Jahre 1964 stand die Lok noch in den Halle der Firma Born, wo der Verfasser sie erblickte. Auch heute ist der Damm noch zu sehen, allerdings in einer anderen Funktion, als Hochwasserschutz kommt seine jetzige Funktion zur Geltung. Zum Aushub des Erd- und Kiesbettes hatte die Bauleitung einen Schürfkübelbagger zur Verfügung. Dieses monströse Arbeitsgerät stand noch bis zum Ende der fünfziger Jahre am Rande des Battenfelder Bahndamms. Dort wurde er dann von Schrotthändlern zerlegt und abgefahren.

Im Burgwald legte die Reichsbahn extra ein Gleis bis fast zur heutigen Kreisstrasse 117. Nun war die Bauleitung in der Lage größere Transporte bis in den Muna Bereich zu dirigieren. Jedoch musste jeder Waggon einzeln in den Burgwald vom Bahnhof Birkenbringhausen geschoben werden. Schuld war hieran eine zu große Steigung, die von den damaligen Dampfloks nur schwer überwunden wurde. Beim Bau der Bunker achteten die Verantwortlichen strengstens darauf, dass kein Baum oder Strauch zuviel gefällt wurde. Aus Tarnungsgründen wurde das bebaute Gelände sofort wieder mit Bäumen bepflanzt. Die alliierten Luftbilder vom März 1945 zeigen jedoch, dass diese Tarnung nur unvollkommen war. Inwieweit die Alliierten die Luftbilder auswerteten, ist bis heute noch unklar.

Im Jahre 1937 begann die Luftwaffe nun  die ersten Fliegerbomben einzulagern. Vielleicht hat auch der nahe gelegene Flugplatz in Bracht, ebenfalls im Burgwald, eine Rolle gespielt, als die Planungen begann.

Am 20 März 1995 kam es in der U-Bahn von Tokio zu einer Katastrophe mit schrecklichem Ausmaß. Hier wurden 12 Menschen getötet und 5000 zum Teil schwer verletzt, als wahnsinnige Sektenmitglieder eine chemische Bombe zündeten. „Sarin“, so der Name des Nervenkampfstoffes hatte die Katastrophe ausgelöst.

Am 23 Dezember 1936 stößt Dr. Schrader von den I.G. Farben auf einen Phosphor-Säure-Ester, den er Stoff 100 nennt. Dr. Schrader erblindet für mehrere Tage, was auf den Kontakt mit dem „Stoff 100“ zurückzuführen ist. Die Wehrmacht, die über diese Versuche wachte, hatte ihr erstes Nervengas, später „Tabun“ genannt. 1937 wurden erste Granaten mit diesem Kampfstoff verfüllt und der Wehrmacht übergeben. Versuche zeigten, dass nur wenige Tröpfchen auf der Haut Tröpfchen auf der Haut in kurzer Zeit zum Tode führten. Tabun ist ein absolut Geruch und farbloser Nervenkampfstoff und folglich nicht wahrnehmbar. Führende Offiziere der Wehrmacht vertraten in den dreißiger Jahren die These, dass ein zukünftiger Krieg in Europa als Gaskrieg geführt würde. Anfangs weigerten sich die I.G. Farben Nervengas in größeren Mengen zu produzieren, deshalb baute die Wehrmacht bei Munster im Gebiet Raubkammer eine kleine Produktionsanlage. Bei Kriegsbeginn 1939, war die Wehrmachtsführung der Meinung, dass die vorhandenen Giftgasmengen zur Kriegsführung über einen längeren Zeitraum nicht ausreichen würden. Ein geeigneter Produktionsstandort musste gefunden werden, der außerhalb der Reichweite englischer Bomber lag. Den idealen Standort fand man in Schlesien, genauer in Dyhernfurth an der Oder. Baubeginn war im Frühjahr 1940. Der Tarnname des Werkes lautete “Niederwerk“.       

Neben Tausenden von Arbeitern mussten auch 2000 KZ-Häftlinge an der Baustelle arbeiten. Zu diesem Zweck wurde das berüchtigte Konzentrationslager „Großrosen“ errichtet.

1000 Tonnen Tabun sollten im“ Niederwerk“ pro Monat hergestellt werden. Die Fertigstellung erfolgte im Mai 1942 und im Juni wurden die ersten Munitionsmengen fertig gestellt.

Wegen der extremen Gefährlichkeit wurde das Giftgas schon im Werk verfüllt. Ein Transport von Giftgas in Tankwagen war nicht möglich. Mit verlassen der ersten Giftgasmunition von Dyhernfurth begann auch die Einlagerung von Giftgas im Burgwald. Die eingelagerten konventionellen Bomben waren aufgebraucht worden, so dass Platz für die neuen Bomben bestand. Diese bestanden zu Anfangs aus Giftgasbomben älterer Bauart, welche die Wehrmacht vom befreundeten Ungarn übernommen hatte.

1942, ließ Hitler seine Chefchemiker zu sich kommen, worauf er sie zum etwaigen Einsatz chemischer Kampfstoffe befragte. Er stellte auch die Frage, ob man auf der Gegenseite mit vergleichbaren Dingen zu rechnen hätte. Die Antwort der Chemiker war übereinstimmend:“ Was wir können kann die englische und amerikanische Seite auch.“

Ob im Jahre 1942 schon Tabun auf der Muna mit eingelagert wurde, ist nicht mehr zu recherchieren. Eines ist aber sicher: Als die 104. US Infanteriedivision (Timberwolf) die Muna besetzte, waren dort große Mengen dieses gefährlichen Giftes vorhanden. Im März 1943 nahmen englische Infanteristen den Wissenschaftler Dr. Hermann Hock in Tunesien gefangen. Dieser berichtete von Nervenkampfstoffen in deutschen Arsenalen. Englische Spezialisten kamen jedoch zu dem Schluss, dass eine Produktion von solchen Kampfstoffen nicht möglich sei. Schon 1943 entwickelten zwei deutsche Wissenschaftler den sechsmal giftigeren Kampfstoff „Sarin“. Dieses Sarin wurde zum Auslöser der Katastrophe von Tokio.

Als letzten Kampfstoff mit allergrößter Brisanz wurde während des Krieges noch „Soman“ entwickelt. Dieser Kampfstoff übertraf alles bisher vorhandenen an Giftigkeit. Hiervon wurde zum Glück nur eine Tonne produziert. Von „Sarin“ wurden etwa 12 Tonnen in einer Spezialanlage bei Munster  hergestellt. Interessant ist zu wissen, dass eine einzige Anlage in Europa zur Vernichtung dieser Altlasten in Munster steht. Selbst heute ist man nicht in der Lage die anfallende Fundmunition sofort zu vernichten, was bedeutet, dass die Munition zwischengelagert werden muss.

Für die Alliierten war es ein Schock, als sie mit dem ersten Nervengas in der Luftmunitionsanstalt  bei Frankenberg konfrontiert wurden. Obwohl sie selber über  ein Arsenal 120000 Tonnen verfügten, besaßen sie doch keine Nervengase. Was kein alliierter Militär für möglich gehalten hatte, existierte in unvorstellbaren Mengen.

Erst fünfzig Jahre nach Kriegsende wurden Informationen über diese Dinge freigegeben. So lagerten auf der Muna ein Großteil der Munition im Freien, ungeschützt gegen Bomben und Bordwaffenbeschuss. Wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner wurde im Burgwald ein Zug mit 1000 Tonnen Tabunbomben beladen und nach Berlin in Marsch gesetzt. Da der Zug in Berlin auch massiven Bombenangriffen ausgesetzt war, verschob man ihn weiter ins Munlager Lossa in Thüringen. Hier kam es im Bahnhofsbereich zu Beschädigungen an Bomben durch Jabobeschuss. Vier Personen fanden den Tod und mehrere wurden zum Teil schwer verletzt, darunter auch der aus Ellerhausen stammende Willi Vohland. Er war als Oberfeuerwerker für den sicheren Transport der Munition zuständig. Ab Juni 1945 hat er mit den Abtransport der Kampfstoffmunition geleitet.

Bei den Luftangriffen vom 12. und 17. März 1945 hätte es leicht zu einer Katastrophe im Burgwald kommen können, hätte auch nur eine Sprengbombe die offenen Munitionsstapel getroffen.

Gefunden und aus der Muna abtransportiert wurden: 3400 Tabunbomben  50 Liter, 1356 Bomben Weißkreuz 500kg, 6097 Bomben Weißkreuz 250kg, 26020 Bomben Gelbkreuz 250kg,

2000 Bomben Blaukreuz 250kg, 9200 Bomben Grünkreuz 250kg, 500 Bomben Grünkreuz 50kg.

Bei den Weiß, Gelb, Blau und Grünkreuzkampfstoffen handelt es sich um Haut und Lungenkampfstoffe.

Zur Dekontaminierung und den Abtransport wurden die Feuerwerker der Muna und alle verfügbaren männlichen Arbeitskräfte der Umgebung herangezogen.

Muna Burgwald Verladerampe
An dieser Stelle verlief die Bahntrasse. Das Lagergebäude mit Verladerampe konnte direkt mit der Bahn angefahren werden.

Da bei den Amerikanern keine Experten mit Schutzanzügen zur Verfügung standen, wurde das vorhandene Potential ausgeschöpft.  Vollschutzgummianzüge mit Atemschutz für Tabun standen nur wenige zur Verfügung, und bei den Lungenkampfstoffen verwand man normale Wehrmachtsgasmasken. Trotzdem gab es mindestens einen Toten und auch Verletzte. Der Kampfstoff Tabun befand sich in roten Hartplastikbehältern, die mit dem Zünder und dem Sprengstoff in die Bombe eingeschraubt waren. Versiegelt wurden die Verbindungsstellen mit Gummidichtungen. Wurde eine Bombe unsanft behandelt, konnte der Hartplastikbehälter brechen. In einem Betonierten Wasserbecken am Ende der Munitionsanstalt – Richtung Röddenau – wurden schadhafte Behältnisse entleert. Vom Becken lief das Wasser in den Fritzbach und der transportierte die giftigen Substanzen in die Eder. Die Fichten am Bachrand hatten sich bis zum Ende der Arbeiten gelb verfärbt. Alle Anlagen sollten ab 1946 nach dem Abtransport der Munition gesprengt werden. Vor jeder Sprengung ertönte die Sirene im Burgwald. Diese Sprengungen wurden im Rahmen der deutschen Demobilisierung durchgeführt. Alle Alliierten hatten sich verpflichtet Bauten die zu Kriegszwecken dienten zu vernichten. Täglich gab es nun eine Sprengung im Burgwald. Diese Zerstörungen endeten erst 1947, als erste Anzeichen des kalten Krieges spürbar wurden und man den Wohnraum dringend für Vertriebene benötigte.

Das US-Signalcorps hat alle diese Dinge in Tausenden von Bildern festgehalten. Auch von der Umgebung Frankenbergs wurden sehr viele Bilder geschossen.

Anfang der siebziger Jahre untersuchten noch einmal Mitarbeiter des hessischen Kampfmittelräumdienstes alle gesprengten Bunker nach Kampfmitteln. Zu diesem Zweck zog ein Bagger das Erd- und Betonmaterial aus dem Bunkerareal heraus, dieses wurde untersucht und anschließend mit einer Laderaupe wieder zurückgeschoben.

Zu klären wäre noch der Verbleib der Kampfstoffe. Große Mengen des Tabun  gingen in die chemischen  Arsenale der Alliierten, minderwertige Kampfstoffe wurden auf ausrangierte Schiffe verladen und im Atlantik und Nord- und Ostsee versenkt. Zum Entsetzen der Küstenbewohner tauchen immer mehr dieser hochgiftigen Substanzen an den Küsten auf, wo sie den Einsatz von Räumtrupps nach sich ziehen. Vor allem Dänemark hat stark darunter zu leiden. Zähe Lostklumpen, die vom begehrten Bernstein kaum zu unterscheiden sind, bergen die größten Gefahren. Aber auch komplette Fliegerbomben tauchen in den Netzen der Fischer auf. Zum Abschluss noch etwas über einen  Befehl der vom Oberkommando der Wehrmacht kam:“ Bei Annäherung des Feindes, sind die Bomben mit Kampfstoffen abzutransportieren, da eine Vernichtung durch Versenkung in der Edertalsperre abgelehnt wird.“

Kommandantur der Luftmunitionsanstalt Frankenberg
Von hier aus wurde die gesammte Luftmunitionsanstalt geführt und verwaltet.

Weitere Informationen zur Muna Burgwald und zum dazugehörigen Bunker der Geschichte finden Sie hier.