Luftnachrichtenstellung Deckname “Kormoran” in Korbach

Während des zweiten Weltkrieges war auf dem Waldecker Berg in Korbach eine Lufnachrichtenstellung (Radarstellung) um feindliche Flugzeuge , die aus Richtung Westen kommen, aufzuspüren. Insbesondere sollten feindliche Bomberverbände die sich im Anflug auf östlich gelegene Städte befinden (wie zum Beispiel Kassel) aufgespürt werden.

Würzburger Riese auf dem Waldecker Berg in Korbach
Würzburger Riese auf dem Waldecker Berg in Korbach. Deckname Kormoran

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges drangen die alliierten Bomberverbände immer tiefer ins Reichsgebiet ein und verursachten erhebliche Schäden. Nicht nur Industrie, Brücken, Straßen und Bahngleise wurden zerstört, auch Angriffe auf die Zivilbevölkerung wurden nach dem Vorbild deutscher Luftangriffe auf englische Städte geflogen – der umstrittene britische Luftmarschall Arthur Harris sprach von „Moral Bombing“: Mit großflächigen Bombardements von Wohngebieten wollte er die Kampfmoral der Deutschen brechen. Schnell erkannte die deutsche Luftwaffe die immer stärker heranwachsende Gefahr. Die Führung betraute den Kommandeur der Nachtjagddivision, den Oberst und späteren General Josef Kammhuber, eine Verteidigung zu entwickeln. Sein Konzept wurde als „Kammhuber-Riegel“ bekannt und sah die Verzahnung von Horchposten, Scheinwerferbatterien, Flak- und Radar-Einheiten unter seinem Kommando vor.

„Himmelbetten“

Für die radargestützte Luftverteidigung entwarf Kammhuber das „Himmelbett-Verfahren“, dafür bildete er eine Kette von „Himmelbetten“ genannte Luftverteidigungszonen mit Radar-Systemen. Im Endausbau erstreckte sich diese Luftverteidigungslinie von Nord- bis Südeuropa und erreichte eine Länge von über 1000 Kilometern. Die Daten aller Radaranlagen entlang dieser Linie flossen in einer Zentrale zusammen und ermöglichten dadurch die Koordinierung einer Gegenwehr wie das Auslösen von Bombenalarm, den Start von Abfangjägern, den Einsatz von FlakBatterien oder das Senden von Luftlagemeldungen über den Radiosender „Primadonna“. Im Verlauf des Krieges kamen solche Durchsagen immer häufiger vor: „Achtung! Primadonna meldet: Feindliche Jagdbomber von Nordpol-Siegfried 7 nach Nordpol-Dora 8…“ Im Zuge dieser Aufbauarbeiten entstand auch auf dem Waldecker Berg bei Korbach eine Radarstellung für die Luftverteidigung der Regionen in östlicher Richtung. Im November 1943 nahm sie mit dem Decknamen „Kormoran“ ihren Betrieb auf. Sie bestand aus mehreren Radargeräten der Typen „Würzburger Riese“, „Jagdschlossgerät“ und „Freya“. Für den Betrieb war eine Personalstärke von etwa 200 Personen erforderlich, bestehend aus Mannschaften und Luftwaffenhelferinnen. Für die Versorgung, die Unterkünfte und zur Auswertung und Übermittlung der Daten wurden mehrere Baracken errichtet. Außerdem gab es eine eigene Schreinerwerkstatt und einen kleinen Stall mit Schweinen sowie eine große Kantine. Später wurde auch der Bau eines schweren Bunkers erwogen. Der wurde jedoch bis Kriegsende nicht mehr fertiggestellt, die Überreste wurden in den 1970er-Jahren beseitigt. Der Zutritt zum Areal war für Unbefugte streng verboten. Wegen des Rüstungswettlaufes mit den Alliierten galt es, die moderne Radartechnik vor Spionen besonders zu schützen. Aus diesem Grund hätte selbst ein Foto aus der Entfernung ernsthafte Folgen haben können. Um ein Ausspionieren der geheimen Radartechnik durch die vorrückenden alliierten Einheiten zu verhindern, wurde am 28. März 1945 die Sprengung der Stellung befohlen.

Recherche nach 64 Jahren


Im März 2009, also 64 Jahre nach der Zerstörung, ging die Arbeitsgemeinschaft „Luftkriegsgeschichte im Ederbergland“ auf Spurensuche. Der Vorbereitung diente die Auswertung des einzig bekannten Bilddokumentes, eines alliierten Aufklärungsbildes, das wenige Tage vor der Sprengung aus etwa 5000 Meter Höhe aufgenommen worden war. Die Arbeitsgemeinschaft wollte einige Fragen klären wie: Welche Radartypen wurden eingesetzt? Wozu diente der im Bau befindliche schwere Bunker? Wo genau standen die Radargeräte und die Baracken? Zur Spurensuche gehörte auch der Besuch eines Zeitzeugen. Kurt Osterhold aus Korbach hat seine Erinnerungen an die Sprengung geschildert. Als Jugendlicher erlebte er den Einmarsch alliierter Soldaten und das Ende des Zweiten Weltkrieges in Korbach. Die amerikanischen Panzer und Soldaten kamen aus Richtung Dorfitter auf die Stadt zu. Schweres Maschinengewehrfeuer war zu hören. Vereinzelte und auf dem Rückzug befindliche deutsche Soldaten flohen vor der Übermacht und versuchten, hinter dem Gleisbett des Korbacher Südbahnhofes in Deckung zu gehen. Die alliierten Truppen drangen weiter vor, als eine riesige Explosion die ganze Stadt erschütterte: Deutsche Soldaten hatten in letzter Minute alles Wichtige der Radarstellung „Kormoran“ gesprengt und sich mit Lastwagen in Richtung Edersee abgesetzt. Auch einige Holzbaracken hatten sie in Brand gesetzt. Bereits am nächsten Tag war es ruhig geworden in Korbach, nur Rauchschwaden auf dem Waldecker Berg waren noch zu sehen. Angetrieben durch seine Neugier fuhr Osterhold mit seinem Fahrrad zur gesprengten Stellung, um sich ein Bild zu verschaffen. Er sah Reste der noch brennenden Baracken sowie Trümmer der Sprengung. Auf dem Plateau des Berges befand sich der Großteil der Radargeräte, die Amerikaner waren bereits dabei, die Trümmer zu inspizieren. Einige abgelegene Baracken waren hingegen völlig intakt, darunter die ehemalige Schreinerei. Die Soldaten hatten sich bei der Zerstörung offensichtlich nur auf die technisch wichtigen Objekte beschränkt. Sämtliche Einrichtungsgegenstände wurden hinterlassen, und so machte sich Osterhold mit einem deutschen Feldtelefon auf dem Sattel wieder auf den Heimweg.

Standorte ermittelt

Der heutige Korbacher Stadtführer hat der Arbeitsgemeinschaft wichtige Fragen beantwortet und ihr ein Bild der damaligen Stellung verschafft. Die genauen Standorte der Baracken konnten teils metergenau ermittelt werden. Eine Sondierung brachte einige Trümmer wie beispielsweise elektronische Bauteile, eine alte Gasmaske, einen Armaturenzeiger, ein Stück Kabelrolle für Feldtelefone und sämtliche Metalltrümmer der Sprengung zutage. Die wichtigsten Fundstücke wurden dem Korbacher Bonhage-Museum übergeben. Auch die Bodenplatte des geplanten massiven und mehrstöckigen Bunkers konnte lokalisiert und dessen Funktion aufgeklärt werden. Aufgrund der Nähe zu den Unterkünften sollte der Bau als Luftschutzbunker dienen. Bei ihren Recherchen hat die Arbeitsgemeinschaft neben Osterhold auch der Leiter des Korbach Ordnungsamtes, Carsten Vahland, unterstützt.